Warum Partizipation? Zwei Rechenbeispiele

Warum Partizipation? Zwei Rechenbeispiele

10. März 2021 Anregungen 0
Warum studentische Partizipation?

Studentische Partizipation, warum das überhaupt? Bis heute scheint sich vielen Lehrpersonen nicht zu erschließen, dass die Einbindung „ihrer“ Studierenden in die Lehre und womöglich sogar Forschung über die Erschließung neuer Kompetenzen für die Studierenden zahlreiche Vorteile für das Kollegium selbst haben kann. Darum hier zwei beispielhafte „Rechnungen“:

Input-Betrachtung: Eine Lernbegleitung, viele Fachexpertïnnen

An einer mittelgroßen Universität oder Fachhochschule bestehen die meistfrequentierten Studiengänge grob überschlagen aus einigen hundert Studierenden, von denen die meisten ab dem dritten Semester in der Lage sind, Hilfskrafttätigkeiten zu übernehmen.

Nach Angaben des Personaldienstleisters Randstad waren 2020 etwa 84 Prozent (!) der bundesdeutschen Studierendenschaft neben dem Studium beruflich tätig – wiederholt steigend. Ähnlich hohe Zahlen gibt es in Österreich. Eine europäische Studie unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) bezeichnete studentische Nebentätigkeiten bereits 2018 als „unbestreitbare Realität“. Das schließt Vollzeittätigkeiten in der vorlesungsfreien Zeit genauso ein wie Arbeitstage im laufenden Semester. Nach meiner Schätzung ist ungefähr die Hälfte in Bereichen beschäftigt, die unmittelbar oder in Teilen in Bezug zu ihrem Studium steht – seien es Forschungsinstitute, private Unternehmungen oder sogar selbstständige Tätigkeiten. Damit sind private Kontakt noch nicht einmal mit einbezogen.

Coverbild der Studie unter Mitwirkung des DZHW: Combining Studies and paid Jobs

Jede Lehrveranstaltung ist damit theoretisch schon durch ihre Teilnehmenden eine einzigartige Repräsentation des lokalen Innovationsgefüges und gesellschaftlichen Lebens, dass aus den unterschiedlichsten Bereichen Eindrücke von neuen Arbeitsweisen und Tools teilen kann.

Sie sind womöglich bei fachlich benachbarten Forschungsgruppen angestellt und verfügen über einen direkteren Draht zu den Forschenden. Sie haben eine neue Produktentwicklung hautnah begleitet. Sie vermögen es, etablierte Verfahrensschemata und Prozessdesigns auf ihre Anwendbarkeit in der Praxis zu prüfen. Es kann damit also sein, dass Teile der Studierendenschaft über bessere Kenntnisse über das Thema verfügen, als dies bei Ihnen der Fall ist.

  • Verschaffen Sie sich zu Beginn der Lehrveranstaltung einen Überblick über die vorhandenen Kompetenzen und Lebenserfahrungen. Dies kann entweder live oder auch das Forum des Learning-Management-Systems (LMS) erfolgen.
  • Verdeutlichen Sie den voraussichtlichen Aufbau der Lehrveranstaltung und vergewissern sie sich durch Umfragen oder Meinungsbilder über die besonderen Interessenslagen und womöglich benachbarte Themenfelder. Nutzen Sie die vorhandenen Kapazitäten der Studierenden, um entsprechende Themen zu behandeln.
  • Regen Sie den Austausch zwischen der Studierendenschaft an. Gerade in Online-Lehrveranstaltungen können Sie die Lebenswege der Studierenden befördern, wenn Sie ihnen frühzeitig Raum für das Kennenlernen komplementärer Interessen einräumen.
  • Beziehen Sie Ihre Forschungsaktivität mit in die Lehrveranstaltungen ein. Für die meisten Studierenden ist es nicht nur hilfreich zu wissen, in welchen Feldern ihre Dozierenden besonders aktiv sind. In fortgeschrittenen Kursen kann die Vorstellung neuer Konzepte auch zur Verfeinerung ihrer eigenen Anträge dienen – und sei es nur bei der medialen Aufbereitung oder adäquaten Wissenschaftskommunikation.

Output-Betrachtung: Gemeinwohlorientierte Produktionsstätte

Damit wären wir schon fast automatisch bei der Frage, inwieweit sich das gewaltige Potential individueller studentischer Lebenswege zur Stärkung der Aufgabenerfüllung der Hochschulen nutzen ließe. Nicht nur bei der medialen Verbreitung oder der Prüfung der Forschungsaktivität können Studierenden in ihren Lehrveranstaltungen dazu beitragen.

Das Projekt Student as Producer („Studierende als Produzierende“) und die Vision Mike Nearys einer „kooperativen Universität“ haben in mir die Frage entstehen lassen, wie viele Produktivität in den anwendungsorientierten deutschen Hochschulen entstehen kann, wenn ihre Erzeugnisse in Übungen und Seminaren koordiniert in Zweitverwendungen überführt werden könnten: Wenn wir annehmen, dass durchschnittliche Studierende im Laufe ihres Studiums nur ein Zehntel der Effizienz voll ausgebilderter Ingenieurïnnen, Sozialwissenschaftlerïnnen oder naturwissenschaftlich Tätigen erreichten, hätte jeder Universitäts- oder Hochschulstandort einen neuen, top-ausgebildeten Akteur vor Ort, der – mit ordentlicher Grundfinanzierung – sich allein der sozialen wie ökologischen Innovation der Region verschreiben könnte. Und auch die akademische Selbstverwaltung könnte damit zur Experimentierfläche für new work und kooperative Unternehmensstrukturen im positiven Sinne der university-as-a-business werden.

  • Entwickeln sie mit den Studierenden Ideen zur Weiterverwendung ihrer Projektarbeiten und binden sie nachgeordnete Hochschuleinrichtungen wie Gründungsförderung, Transfereinrichtungen und Pressenstellen mit ein. Die Aussicht auf einen die Gründung ermöglichenden Prototypen oder eine sonstige Publikation kann die Motivation für eine Lehrveranstaltung immens steigern.
  • Regen Sie in ihren Fakultäten und Fachgebieten die Fortbildung für Open Educational Ressources (OER), Open-Source-Software und -Hardware-Lizenzen (DIN SPEC 3105) und weitere Wege zur barrierefreien Veröffentlichung ihrer Schöpfungen an. Studiengangsübergreifende Online-Module zur Begleitung der Einführungsveranstaltungen und regionale Lehrvideoportale können gegenüber parallelen Eigenentwicklungen deutlich Ressourcen sparen.
  • Überzeugen Sie Ihre Mitstreitenden, soziale Einrichtungen und zivilgesellschaftliche Organisationen zum Bestandteil ihrer Forschungsanträge zu machen, um ihre Erkenntnissen auch auf unkonventionellen Wegen schnell in die Breite übergehen zu lassen.
  • Nutzen Sie lokale Studierendeninitiativen als Indikatoren für die vor Ort, um weitere Ansätze in Erfahrung zu bringen. Die Hochschulgruppen verfügen bereits oft über fortgeschrittene Ansätze, die die aus dem Studium erwachsenen Fähig- und Fertigkeiten mit den Bedürfnissen ihres Umfelds zusammenführen.

Jetzt sind Sie an der Reihe!

Haben Sie oben geschilderte „Nebenziele“ schon einmal in der Planung ihrer Lehrveranstaltungen berücksichtigt? Wo waren Sie von den Kenntnissen ihrer Studierenden überrascht? In welchen Disziplinen sehen Sie besondere Chancen für die flüssige Überführung von der Theorie in die Praxis? Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen!