Innovation durch Illegalität?

Innovation durch Illegalität?

11. März 2021 Anregungen 0

1962 schrieb der Physiker und Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn in seinem Magnum Opus Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen: „Die Studierenden akzeptieren aber Theorien wegen der Autorität des Lehrers und des Lehrbuches, nicht aufgrund von Beweisen. Welche andere Wahl hätten sie auch oder welche Qualifikation?“ Wie aber verhält es sich in einer sich schnell verändernden Welt, in der auch eine außerordentliche Person ihres Faches nicht mehr alle Neuerungen in Theorie, Praxis und Didaktik verfolgen kann? Stößt das System Hochschule derzeit womöglich an jene Wissenskrise, aus der sie durch Paradigmenwechsel erwachsen muss? Und inwieweit spielt studentische Partizipation hier eine Rolle?

Stefan Kühl, Hamburger Organisationssoziologe und Professor an der Universität Bielefeld hat vor kurzem eine Monografie zum „Nutzen des Regelbruchs in Organisationen“ geschrieben und bezieht das (Her-)Umdeuten etablierter Vorschriften auch auf den Alltag an Hochschulen (Beitrag in Forschung & Lehre), nach denen das Umschiffen bürokratischer Hürden mittelfristig dazu beitragen könne, diese obsolet zu machen.

Nun kann man Kühls jüngste Übertragung auf die Amnestieboxen der Bundeswehr (Blog-Beitrag) angesichts der Parlamentsarmee Bundeswehr demokratisch bedenklich finden und wohl mehrheitlich übereinstimmen, dass „Innovation durch Illegalität“ nicht Paradigma staatlicher Hochschule werden sollte. Nichtsdestotrotz versucht sein Text zu ordnen, wie trotz verfestigter Normen und Traditionen das Neue in die Welt kommen kann – eine Frage, die sich nicht nur im Kontext sozialer Bewegungen, sondern auch im Kontext der Hochschulen als intellektuellem Nexus und ihrer Innovationsgeschwindigkeit stellen sollte.

Wie kommt das Neue ins Studium? Gibt es mehr als top-down und bottom-up?

Gerade bei der Diskussion von Formen studentischer Teilhabe an Lehre und gesellschaftlicher Wirkung ihrer Institutionen haben Studierende seit vielen Jahrzehnten durch eine akademische Gegenkultur zur Aktualisierung der Lehrinhalte und -formen der oft so behäbigen Einrichtungen beigetragen; eine Leistung, die ihnen oftmals kaum oder gar als „Arbeitsverweigerung“ angerechnet wird.

Dabei geht es beispielweise um die fortwährende Diskussion um Dual-Use-Forschung, die seit der Friedensbewegung durch engagierte Initiativen und Mitglieder akademischer Selbstverwaltungen mittels Zivilklauseln thematisiert wird, aber auch ganz konkrete studentische Eingriffe in die Lehre:

  • Ringvorlesungen werfen immer wieder bestehende Kanonisierungen und Curricula über den Haufen und führen nicht erst seit der Public Climate School der Students for Future oder den Kritische Wirtschaftswissenschaftlerïnnen (KriWis Berlin) zur semesterübergreifenden Zusammenführung studentischer und damit auch zukünftiger Kulturen. Viele von ihnen sind mit der Zeit in anrechenbare Studienleistungen übertragen und anerkannt worden.
  • Die Medical Students for Choice an der Berliner Charité organisieren eigenständige Lehrveranstaltungen zu im Medizinstudium unterrepräsentierten Themen rund um den Schwangerschaftsabbruch und schlossen damit eine Lücke im Curriculum, dass dringende gesellschaftliche Relevanz hat.
  • Bis vor kurzem sammelte das studentische Vorlesungsverzeichnis Atopos.eu selbstständige Lehrveranstaltungen an Berliner und Brandenburger Hochschulen und Universitäten.
  • Die Projektwerkstätten (tu projects) der Technischen Universität Berlin schaffen seit 2012 Raum, um Labore und Seminarräume für studentisch angeleitete Projekte und Lehrveranstaltungen unterschiedlichster Art zu öffnen und damit Lehr- und Forschungserfahrung zum Teil ihres Fachstudiums zu machen.
  • Fabrikationslabore, sogenannte FabLabs, führen Studierende und Hochschulangehörige anlassbezogen und losgelöst von fachlichen Trennungen in eigenständigen Vorhaben zusammen und sind chaotisches „Inspirations- Innovationssystem“ für STE(A)M-Studiengänge, Gründungen und anwendungsorientierte Forschung. Ein Team der Berliner Hochschule für Technik entwickelt gegenwärtig das FabAccess-System zur Geräteverwaltung.
  • Eine On/Off-Beziehung mit studentischer Partizipation führt die Freie Universität Berlin: Schon 1989 wurden studentische Projekttutorien ermöglicht, die an die Anfangstage der Hochschule und „autonome Lehre“ anknüpften. Nachdem diese 2002 eingestellt wurden, sollen sie durch die Exzellenzinitiative der Berlin University Alliance (BUA) ab Sommersemester 2021 gemeinsam mit neuen studentischen Forschungsgruppen wieder aufgegriffen werden – Studierende kritisieren allerdings die eingeschränkteren Mitbestimmungsmöglichkeiten.
  • Auch die Humboldt-Universität zu Berlin förderte zwischenzeitlich studentische Forschungssymposien für Nachwuchswissenschaftlerïnnen, zu denen auch Studierende im Grundstudium Skizzen für Veranstaltungen mit eigenen Schwerpunkten einreichen konnten.

Dirk Baecker attestierte schon 2010: „Die unbedingte Universität ist eine unmögliche Universität.“ – Professorïnnen, Fakultäten und Hochschulleitungen tuen gut daran, derartige Dynamiken früh zu identifizieren, entsprechende Vorhaben ernsthaft und wertschätzend zu prüfen und an geeigneter Stelle in Lehre, Forschung oder administrative Struktur zu integrieren und entsprechende Rahmenbedingungen zu verstetigen. Einen besseren und aktuelleren Feedback-Loop zur Prüfung der akademischen Debatte aus dem gesellschaftlichen Kontext heraus gibt es nicht.

Literaturhinweise

  • Kuhn, Thomas Samuel (1976): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 2. Aufl., Berlin: Suhrkamp.
  • Kühl, Stefan (2020): Brauchbare Illegalität. Vom Nutzen des Regelbruchs in Organisationen, Frankfurt a.M./New York: Campus.
  • Baecker, Dirk (2010): Forschung, Lehre und Verwaltung. In: Unbedingte Universitäten (Hg.): Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universität, Berlin: Diaphanes.
  • Derrida, Jacques (2001): Die unbedingte Universität, Berlin: Suhrkamp.

Und jetzt?

Eignen sich Studierende tatsächlich als „Gesellschaftsbarometer“ und Rückkopplungsschleife? Was müsste geschehen, damit sie tatsächlich sozialen Fortschritt abbilden können? Und welche Ansätze haben Sie an Ihrer Hochschule gefunden, studentisches Engagement und Studium zu verknüpfen?