Students as Partners

Students as Partners

3. Mai 2021 Anregungen 0
Im Hintergrund ist unscharf eine Bücherwand und verschwommene Lichter, im Vordergrund ein Gelbes Feld mit schwarzem Schriftzug, der lautet Students as Partners.

Seit 2019 promoviere und lehre ich an der University of York in England. Sowohl im Rahmen meiner Promotion, als auch im Rahmen meiner Lehre setze ich mich seither intensiv mit dem englischen und deutschen (Aus-)Bildungssystem auseinander. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass der Vergleich unterschiedlicher Bildungssysteme uns dazu befähigt blinde Flecken oder als selbstverständlich wahrgenommene Aspekte etablierter Bildungsinstitutionen aufzudecken, zu verstehen und zu hinterfragen. Wenn wir uns mit Partizipation auseinandersetzen, veranschaulicht der Vergleich einmal mehr, inwieweit Art und Möglichkeit von Beteiligung an universitärer Gestaltung davon abhängen, wie Studierende und sämtliche Mitarbeiterïnnen der Uni voneinander und von anderen wahrgenommen werden. Schnell wird deutlich: Wie ich mich als Lehrende wahrnehme und was ich Studierenden zutraue und umgekehrt, hängt mit gesellschaftlichen Vorstellungen ab. Gesellschaftliche Vorstellungen von jungen Menschen, von Studierenden insbesondere, von mir als Seminarleiterin, von mir als weibliche Seminarleiterin, von der Universität als Institution und von dem Seminar als Veranstaltungsrahmen, um ein paar Beispiele zu nennen. Dieser ständig andauernde Reflexionsprozess führte mich vor einiger Zeit zu der Idee von students as partners – Studierende als Partnerïnnen (SaP) – die im englischsprachigen Lehr- und Forschungsraum immer prominenter wird. Diese möchte ich im Folgenden vorstellen und gern mit euch diskutieren.

Kollaborative Gestaltungsprozesse

SaP hält dazu an Universitätsentwicklung als “kollaborativen, gegenseitigen Prozess“ zwischen Studierenden, Lehrenden und allen weiteren Mitarbeiterïnnen der Universität zu verstehen (Cook-Sather, Bovill and Felten, 2014, S. 6f.). In diesem Prozess haben alle Beteiligten die Möglichkeit „gleichermaßen zu curricularen oder pädagogischen [didaktischen] Konzeptionierungen, Entscheidungen, Implementierung, Untersuchung oder Analyse beizutragen, wenn auch nicht in gleicher Weise“ (Cook-Sather, Bovill und Felten 2014, S. 6f, Übersetzung der Autorin).

SaP geht damit über Überlegungen wie man Studierende besser in die Lehre und die Gestaltung des Unialltags integrieren kann hinaus. Vielmehr kann man es als inklusiven Ansatz verstehen, in dem alle Akteurïnnen gleichermaßen und gleichwertig an dem Gestaltungsprozess beteiligt sind. Kurz gesagt, Studierende und Lehrende, aber auch sämtliche andere Universitätsmitarbeiterïnnen sich aktiv an der Gestaltung von Hochschule, Lehre und Forschung beteiligt, indem sie in ebenbürtigen Teams zusammenarbeiten.

Abbildung 1: Grundlegende Werte für universitäre Partnerschaften nach Healey et al. (2014, S. 14f.), eigene Darstellung.

Die Natur dieser Partnerschaften wird vielfach diskutiert, jedoch gibt es bisher keine einheitliche Definition oder Vorstellung. Verschiedene Autorïnnen versuchen jedoch sich der Form dieser Partnerschaft anzunähern und nutzen dafür verschiedenen Möglichkeiten zu Veranschaulichung. Healey et al. (2014, S. 14f.) bietet u.a. eine Liste grundlegender Werte an, auf denen die Parternschaften basieren sollten (siehe auch Abbildung 1):

  • Vertrauen (trust)
  • Mut (courage)
  • Pluralität (plurality)
  • Verantwortung (responsibility)
  • Authentizität (authenticity)
  • Ehrlichkeit (honesty)
  • Inkusivität (inclusivity)
  • Gegenseitigkeit (reciprocity)
  • Empowerment

Studierende als Ebenbürtige Partnerïnnen

Diese Liste verdeutlicht zum einen die Ebenbürtigkeit der Partnerïnnen. Insbesondere fallen hier Inklusivität und Gegenseitigkeit ins Auge. Zum anderen verweist sie auf die Rolle der Akteurïnnen innerhalb der Partnerschaften, denen durch das Einfordern von Mut, Ehrlichkeit, Authentizität, und Vertrauen(-swürdigkeit) Verantwortung und Kompetenz zugesprochen wird.

Dabei ist SaP prozessorientiert und weniger ergebnisorientiert (Mercer-Mapstone et al., 2017). Es wird anerkannt, dass Studierende und Universitätspersonal über jeweilige Expertise verfügen, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Inhalten. Diese Expertise fließt in die gemeinsame Teamarbeit ein, um Lehr- und Lernsituationen, deren Kontext, Curricula, Hochschulpädagogik und -didaktik, sowie die Art und Weise von Prüfungen zu gestalten. Gemeinsame themenbezogene Forschung, jedoch auch Erforschung des Lehr-Lern-Prozesses sind ebenfalls einbezogen (Healey, Flint and Harrington, 2016).

Die Entwicklung von Partnerschaften bezieht sich jedoch nicht nur auf die individuelle Ebene. Vielmehr geht es darum, die Strukturen einer Hochschule so zu verändern, dass ebenbürtige Partnerschaften zwischen Gruppen jeglicher Größe (In England z.B. die Student Unions an den Universitäten), Jahrgängen, oder Unterrichtskategorien (Module, Seminare, Vorlesungen etc.) oder auch von ganzen Studiengängen untereinander (Mercer-Mapstone et al., 2017).

Reflexion Traditioneller Rollenbilder

Auch hier liegt die Idee vom student as producer (mehr dazu finder ihr in Pauls Beitrag „Warum Partizipation? Zwei Rechenbeispiele“) zugrunde. Diese grenzt sich bewusst vom traditionellen Rollenverständnis von Studierenden, Lehrenden und administrativem Personal in primär englischsprachigen Universitäten ab. Kritisiert wird das (Selbst-) Verständnis von Studierenden als passiv konsumierende Kunden, die nicht von Innen die Universität mitgestalten sondern von außen das Bildungsangebot nachfragen und kaufen (Matthews et al., 2018, 2019; Klemenčič, 2012)

Dies kann zum Teil damit erklärt werden, dass englische Universitäten private Unternehmen sind, die hohe Studiengebühren fordern, und dafür bestimmte Leistungen versprechen. Gleichzeitig haben Studierende die Möglichkeit diese Leistungen in universitären und nationalen Studierendenumfragen zu bewerten, wobei die Ergebnisse sich auf nationale Rankings von Universitäten auswirken. Diese Rankings wiederum spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung von Studieninteressierten für oder gegen eine Universität. Auf individueller Ebene können die Bewertungen von Modulen und Lehrenden über die Zukunft der Lehrenden entscheiden, da diese für Vertragsverlängerungen und Beförderungen relevant sind. In diesem Zusammenhang wir vielfach von einer Servicekultur an englischen Universitäten gesprochen, die den Lernprozess so angenehm wie möglich gestaltet, um negative Bewertungen zu vermeiden.

Trotzdem bietet SaP die Chance die Werte auf denen wir auch die Gestaltung von Hochschule im Deutschland zugrunde legen genauer unter die Lupe zu nehmen. Er hat wichtige Implikationen auf die Art wie wir miteinander und voneinander sprechen und wie wir uns selbst und andere innerhalb des Systems sehen. Matthews (2017) weist zum Beispiel darauf hin, dass SaP traditionelle Vorstellungen von Identitäten in Frage stellt, ebenso wie historisch gewachsene Beziehungen zwischen Lernenden und Lehrenden. Die Expertise und Kompetenz von Studiereden zu berücksichtigen ist dabei ein wichtiger Schritt. Allerdings geht es vor allem auch darum diese als ebenbürtig anzuerkennen. In der Konsequenz bedeutet dies auch sich der Grenzen der eigenen Kompetenz als Lehrende bewusst zu sein. 

Nicht vergessen dürfen wir dabei auch die bislang noch oft hierarchische Beziehung zwischen Lehrenden und Forschenden auf der einen und administrativen Fachkräften auf der anderen Seite. Diese dürfe an deutschen Universitäten tatsächlich noch dringlicher sein als an englischen Institutionen. Während in England der administrative Bereich als eigene Profession und Karriereweg anerkannt ist, erscheint die Vorstellung von Professorïnnen als unantastbare Helden der Institution vorherrschend, während andere Tätigkeitsbereiche als assistierende Branchen abgewertet werden. Hier sind aber nicht nur die Lehrenden, sondern auch Studierende eingeladen ihre Haltung gegenüber beispielsweise administrativen Mitarbeiterïnnen zu hinterfragen.

Gestaltung Inklusiver Hochschulstrukturen

In der Theorie bieten partnerschaftliche Strukturen an Universitäten damit nicht nur eine Möglichkeit die Partizipation von Studierenden zu stärken. Vielmehr bietet es Ansätze für die Gestaltung gerechterer, inklusiver Hochschulstrukturen. Es bietet Anlass und Stoff für „some deep thinking“ über historisch gewachsene Beziehungsgefüge an der Uni. Es fordert nicht nur das Handeln Einzelner, sondern die Hinterfragung der Strukturen an sich. Etwa, wie etablierte Entscheidungsprozesse aussehen? Wer in den bestehenden Gremien und Gestaltungsprozessen repräsentiert ist und wer dort den Ton angibt. Dabei gilt es nicht nur die Trennlinie zwischen Studierenden und Mitarbeiterïnnen jeder Art zu ziehen, sondern auch nach blinden Flecken innerhalb der Gruppen zu suchen. Dies beinhaltet z.B. die dringende Frage welche Studierenden in den Gremien vertreten sind, in denen studentische Partizipation möglich ist. Denn auch die Konstellation innerhalb von Studierenden und Personalgruppen tragen dazu bei, dass viele Lebenswelten an Universitäten unberücksichtigt bleiben und marginalisiert werden.

Anhand der folgenden Fragen würde ich nun gern mit euch diskutieren, wie der Perspektivwechsel hin zu partnerschaftlichen Strukturen an deutschen Hochschulen aussehen könnte.

Fragen:

  • Gleichberechtigte Partnerschaften an Universitäten – geht das zu weiter oder ist das ein notweniger Schritt?
  • In welchen Bereichen deutscher Hochschulen seht ihr Ansätze und Chancen für Studierende als Partnerïnnen?
  • Was müssten wir bei der Entwicklung partnerschaftlicher Strukturen an deutschen Hochschulen beachten?

Literatur

Cook-Sather, A., Bovill, C. and Felten, P. (2014). Engaging Students as Partners in Learning and Teaching: A Guide for Faculty. Jossey-Bass.

Healey, M., Flint, A. and Harrington, K. (2016). Students as Partners: Reflections on a Conceptual Model. TEACHING & LEARNING INQUIRY, 4 (2), pp.8–20

Klemenčič, M. (2012). The Changing Conceptions of Student Participation in HE Governance in the EHEA. In: Curaj, A. et al. (Eds). European Higher Education at the Crossroads. pp.631–653

Matthews, K. E. (2017). Five Propositions for Genuine Students as Partners Practice. International Journal for Students as Partners, 1 (2)

Matthews, K. E. et al. (2018). Conceptions of students as partners. Higher Education, 76 (6), pp.957–971

Matthews, K. E. et al. (2019). Toward theories of partnership praxis: an analysis of interpretive framing in literature on students as partners in teaching and learning. Higher Education Research and Development, 38 (2), pp.280–293

Mercer-Mapstone, L. et al. (2017). A Systematic Literature Review of Students as Partners in Higher Education. International Journal for Students as Partners, 1 (1)

Hinweis:

Einige Literaturverweise sind in Partnerschaft zwischen Studierenden, Doktorandïnnen und Forscherïnnen entstanden.

Ein weiteres Beispiel für partnerschaftliche Projekte ist das International Journal for Students as Partners. Das IJSP ist eine wissenschaftliche Fachzeitschrift, die sich thematisch mit der Idee von „Students as Partners“ auseinandersetzt. Es werden Artikel begrüßt, die in Forschungspartnerschaft zwischen Studierenden und Forschenden entstehen. Gleichzeitig wird die Zeitschrift partnerschaftlich von Studierenden und Lehrenden bzw. Forschenden geführt.